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Sheradyn flucht leise vor sich hin, als das baufällige Gebäude in ihr Blickfeld kommt.
Je weiter sie dieser einsamen Ruine in diesem kahlen, öden Landstrich nähert, desto schlechter wird
ihre Laune. „Das soll eine Herberge sein? Allenfalls für Kakerlaken und Ratten!“ Dem Ausbruch folgt
ein weiterer wütender Blick, als sich die junge Kundige vom Pferderücken schwingt. Doch dann seufzt
sie leise auf, packt ihren Stab fester und geht auf die Herberge zu. Man hatte ihr in Bree zu
verstehen gegeben, dass diese Baracke für eine lange Zeit die letzte Möglichkeit sein würde, auf
Menschen zu treffen, die noch einigermaßen freundlich gesonnen waren. Und da die Erfahrungen der
letzten Wochen nicht gerade die besten waren, war sie dem Rat, sich für die einsamen Lande eine Art
Leibwächter zu mieten, nicht abgeneigt.
Am Eingang des Schankraumes bleibt sie stehen und wirft einen halb spöttischen,
halb resignierten Blick hinauf zum teilweise nicht mehr vorhandenen Dach. Ihre Gedanken schweifen
ab. Größer könnte der Unterschied zwischen ihrem jetzigen Aufenthaltsort und ihrer Heimat kaum
sein.
Endlose, fruchtbare Weiten, auf denen die Herden ihres Vaters grasten, ein großes Haus, ein paar
Diener… Ihre Eltern waren nicht in dem Sinne reich, aber dank des guten Auges ihres Vaters war
seine Zucht sehr erfolgreich und erlaubte ein komfortables Leben. Doch obwohl sie ihre Familie und
ihre Heimat liebte, war sie unruhig gewesen, hatte das Gefühl gehabt, etwas zu verpassen. Bis in
ihr der Entschluss gereift war, das behütete Elternhaus zu verlassen und sich die Welt anzusehen.
Eine Idee, von der vor allem ihr Vater natürlich absolut nicht begeistert gewesen war.
Lange Zeit sah es auch so aus, als würde er niemals nachgeben, alle Tränen, alles betteln half
nichts. Doch dann häuften sich die Verluste in den Herden. Immer mehr der edlen Pferde
verschwanden. Einige wurden wieder gefunden. Ihre Kadaver sahen aus, als wären sie von sehr großen
und sehr wilden Tieren gerissen worden. Doch von anderen Tieren verlief sich die Spur und sie
blieben unauffindbar.
Erkundigungen bei den Nachbarn ergaben ein ähnliches Bild, doch niemand konnte sagen, was oder wer
sich an den Herden vergriff. Da er seine Söhne und Knechte nun brauchte, um die Herden zu
beschützen, gab er schließlich sehr widerwillig und mit der Auflage, das Sheradyn nicht alleine
gehe, seine Einwilligung zu ihrer Reise, damit sie Nachforschungen anstellen könne. Und so machte sie sich, in Begleitung ihrer jüngeren
Schwester Cheldrea, auf den Weg, der sie beide schließlich nach Bree führten sollte.
Ein heftiger Stoß in den Rücken reißt Sheradyn aus ihren Gedanken an Rohan wieder zurück in die
Gegenwart. Es waren überraschend viele Leute im Raum versammelt. Dennoch entdeckt Sheradyn schnell
den Wirt und bekommt von ihm auch tatsächlich eine Antwort auf ihre Frage.
Kurze Zeit später steht sie mit leichtem Herzklopfen vor einem im Gras liegenden Mann und blickt
auf ihn herunter. Die Beschreibung des Wirtes passte und er sah ja eigentlich auch ganz gut aus.
Aber ein nettes Gesicht war kein Garant für einen netten Charakter. Noch ein kleines Stoßgebet,
dann klopft sie mit ihrem Stab gegen seinen Oberkörper. „He da! Aufwachen!“
Fortsetzung: Brynden (Teil 2)
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